Ich habe 191 Namen in einem Notizbuch. Fast alle trugen Jeans.

LESERBRIEF · MOTORRAD & SICHERHEIT · 17. JULI 2026

Eine Krankenschwester aus der Eifel hat 32 Jahre lang jeden Namen notiert, der in ihre Notaufnahme kam. Fast alle waren Männer über 50. Fast alle trugen Jeans.

Ein Leserbrief · aufgezeichnet für den CRB Ratgeber · 7 Min. Lesezeit
Ein grünes, abgegriffenes Ringbuch auf einem Küchentisch

Das Ringbuch, um das es in diesem Brief geht. 1994 angefangen. 191 Einträge. (Mit Erlaubnis fotografiert)

Anmerkung der Redaktion: Wir drucken diesen Brief mit Erlaubnis der Verfasserin. Der Name des verunglückten Fahrers wurde geändert.

Ich schreibe das um 4:20 Uhr morgens, weil ich seit Wochen nicht mehr richtig schlafe. Mein Mann liegt oben und schläft. Auf dem Stuhl neben dem Bett liegt seine Jeans, ordentlich gefaltet, so wie jeden Abend. Es ist dieselbe Sorte Hose, die Markus trug, als man ihm im OP das rechte Bein oberhalb des Knies abnehmen musste. Das ist jetzt drei Wochen her. Ich war an dem Tag im Dienst.

Mein Name ist Karin. Ich bin 60 und war 32 Jahre lang Krankenschwester in der Notaufnahme eines Klinikums in der Eifel — zwölf Kilometer von den Landstraßen entfernt, auf denen an jedem schönen Wochenende Hunderte Motorräder unterwegs sind. Im März bin ich in Rente gegangen. Mein Mann Gerd ist 63, gelernter Elektromeister, und er fährt Motorrad, seit ich ihn kenne. Immer in ganz normaler Jeans.

Das Notizbuch

Es ist ein grünes Ringbuch. Ich habe es 1994 angefangen, drei Jahre nach meinem Examen, an dem Abend, an dem ich zu Hause saß und mich nicht mehr an den Namen des Mannes erinnern konnte, der nachmittags bei uns gestorben war. Dieses Vergessen kam mir vor wie ein Verrat, den ich nicht noch einmal begehen wollte. Also habe ich angefangen, sie aufzuschreiben. Jeden Motorradfahrer, der schwer verletzt zu uns kam.

191 Einträge.

Ich habe 32 Jahre lang dasselbe Buch benutzt. Der Einband ist am Rücken eingerissen. Auf Eintrag 73 ist ein Kaffeerand. Von den 191 waren 147 Männer über 50 — und sie trugen Jeans. Nicht die Rennfahrer. Nicht die Jungen mit den schnellen Maschinen. Die ruhigen Herren, die sonntags gemütlich über die Landstraße fahren. Männer wie mein Gerd.

22 Jahre lang habe ich dieses Buch niemandem gezeigt. Gerd wusste, dass es existiert. Er hat nie gefragt. Ich habe es nie angeboten.

Der Grund, warum Wissen allein nichts nützt

Wenn Wissen genug wäre, hätte dieser Brief nie geschrieben werden müssen. Das Buch wäre bei Eintrag 47 stehen geblieben. Denn ich wusste alles. Ich wusste bei jedem einzelnen Namen, wie es passiert ist, wie schnell, und was eine echte Schutzhose verhindert hätte. Und trotzdem habe ich meinen Mann 22 Jahre lang in einer Jeans aus der Einfahrt fahren lassen, ihm auf die Wange geküsst, wenn er wiederkam, und den einen Satz nie gesagt, der alles verändert hätte.

Eine ordentlich gefaltete Jeans auf einem Stuhl neben dem Bett

„Auf dem Stuhl neben dem Bett liegt seine Jeans, ordentlich gefaltet, so wie jeden Abend." (Symbolbild)

Markus

Es war ein Montag im August. Keine Raserei. Eine Linkskurve hinter dem Ortsschild, frischer Rollsplitt, vielleicht 50 Stundenkilometer. Das Hinterrad ging weg. Er rutschte über den Asphalt. Seine Jeans — eine gute, schwere Marken-Jeans — war in weniger als einer Sekunde durchgescheuert. Danach kam der Asphalt an die Haut, und dann an mehr als die Haut.

Er war bei Bewusstsein, als sie ihn brachten. Er hat sich drei Mal entschuldigt. Einmal, weil er die Trage brauchte. Einmal wegen des Blutes. Und einmal, weil seine Frau schon auf dem Weg war, und ob wir ihn bitte etwas sauber machen könnten, bevor sie kommt, weil sie „mit sowas nicht gut klarkommt."

Als seine Frau kam, hat sie mich etwas gefragt, das ich nie vergessen werde. Sie fragte, ob mein Mann eigentlich „richtige Sachen" trage, wenn er fährt. Und ich habe gelogen. Ich habe gesagt: ja, natürlich. Ich konnte einer Frau, deren Mann gerade sein Bein verloren hatte, nicht ins Gesicht sagen, dass ich — die erfahrenste Motorrad-Unfall-Schwester im Umkreis von fünfzig Kilometern — meinen eigenen Mann seit 22 Jahren in genau der Hose fahren lasse, die auf der Trage gerade in Fetzen hing.

An dem Abend um 23:47 Uhr habe ich Eintrag 191 geschrieben. Dann bin ich nach oben. Gerd schlief. Seine Jeans lag gefaltet auf dem Stuhl. Dieselbe Marke. Derselbe Schnitt.

Ich habe es ihm gezeigt

Drei Nächte später kam Gerd um vier Uhr in die Küche und fand mich am Tisch mit dem offenen Buch. Er sagte nur: „Karin. Entweder du zeigst mir das jetzt, oder es macht dich kaputt." Also habe ich es ihm gezeigt. Alle 191 Namen. Er hat sie langsam gelesen, manche laut, so wie man einen Namen liest, der gelesen werden will. Bei Eintrag 87 — ein Mann, der 2011 gestorben ist — brach ihm die Stimme. Er legte das Buch weg, ging zur Terrassentür, stand vier Minuten mit dem Rücken zu mir und sagte nichts. Dann kam er zurück und las jede Seite zu Ende.

„Such mir eine raus. Ich zieh an, was du sagst."— Gerd, 63, am nächsten Morgen am Küchentisch

Was ich gesucht habe

Ich wollte keine Rennkombi. Gerd hätte sie nie freiwillig angezogen — und die gefährlichste Schutzhose ist die, die im Schrank hängt. Ich wollte eine Hose, die drei Dinge gleichzeitig kann: aussehen wie eine normale Hose, sich so tragen, dass er sie den ganzen Tag anlässt, und im Ernstfall den Sturz nehmen — geprüft, nicht behauptet.

Aus 32 Jahren Notaufnahme wusste ich, worauf es ankommt: Es gibt eine europäische Prüfnorm für Motorradbekleidung, EN 17092. Die Klasse steht im Etikett — nicht im Produktfoto. Und es braucht Protektoren an Knie und Hüfte, denn der Abrieb ist nur die halbe Gefahr; der Aufprall bricht Knochen.

Ich bin bei der CRB Tactical Schutzhose gelandet. Sie sieht aus wie eine dunkle Alltagshose. Aber sie ist nach EN 17092 in Klasse AA getestet — mit durchgehend abriebfestem 500D-Gewebe, herausnehmbaren CE-Protektoren an Knie und Hüfte, 10.000-mm-Beschichtung gegen Regen und YKK-Reißverschlüssen. Gerd trägt sie seit drei Wochen jeden Tag. Zur Werkstatt, zum Bäcker, auf die Landstraße. Niemand sieht, dass es eine Schutzhose ist. Genau das war der Punkt.

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An die Frau, die das hier liest

Ich weiß, warum Sie bis hierher gelesen haben. Weil oben oder in der Garage ein Mann ist, der seit Jahren sagt, er kümmert sich „demnächst" um eine richtige Hose. Der nächste Markus sitzt gerade irgendwo auf der Terrasse, trinkt Kaffee mit seiner Frau und sagt ihr zum dritten Mal, dass er sich „am Wochenende mal was Vernünftiges anschaut."

Ich habe 147 Namen von Männern wie ihm in einem Buch. Ich möchte, dass Sie ihm eine Hose bestellen. Sagen Sie ihm, sie kam von einer 60-jährigen Krankenschwester aus der Eifel mit einem Notizbuch in der Küchenschublade. Sagen Sie ihm, das Buch ist jetzt geschlossen.

Ich möchte, dass es geschlossen bleibt.

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